Wenn ich schreibe
Marielle Schavan
18.5.07

Wenn ich schreibe hab ich das Schwerste schon hinter mir. Den langen Weg auf dem ich so oft fast hingefallen wäre. Ich bin da. Ich bin angekommen. Hier gehöre ich hin. Ich bin ganz. Vielleicht wie sonst nie. Ich sitze in mir. Nur an dieser Stelle. Dies ist die Stelle auf der Welt, an der ich sitzen soll, es ist genauso wie es sein muss. Es ist vollkommen.
Es war ein so weiter Weg. Ich habe geschnauft, geschwitzt gestarrt, geschrieen und Schmerzen gehabt. Oft habe ich gedacht ich würde platzen. Ich kreiste um einen leeren Punkt. Immer weiter. Und ich konnte nichts anderes tun. Es wurde immer unerträglicher und dann ist es plötzlich, tatsächlich passiert.
Wenn ich schreibe öffne ich mich und lasse vorsichtig aus mir herausfallen. Ich sauge mich leise aus, ich habe keine Schmerzen, es ist ein wohliges Gefühl. Still. Und nur ich allein. Es fließt fast von selbst. Ich sitze in meiner Blase. Erst bemerke ich kaum, dass sie mich umgibt, mich scheinbar begrenzt. Sie dämpft den Lärm um mich herum. Ich höre ihn schwach, wie durch einen Schleier. Mein Kopf ist benebelt, er fährt sie langsam aus, der Denkprozess ist beendet, meine Hand rennt über das Papier. Ab und zu fragt sich mein Kopf was das soll und versinkt dann wieder in erschöpfter Gleichgültigkeit. Und Zufriedenheit. Müde Zufriedenheit.
Ich schreibe, weil ich Worte im Kopf habe. Worte und Bilder und Sätze und Fragen. Bunt und schwarz weiß. Große und Kleine. Sie sind gemein oder sanft. Sie sind da, sie wirken auf mich ein, sie sind in mir, sie nehmen mich ein. Unausweichlich.
Wenn ich schreibe schmeiße ich mich vom heißen ins kalte Wasser. Ich setze mich der stärksten Wirkung aus, die ich je spüren konnte. Sie kommt und übertönt alles. Egal, mit was sie kommt, sie hat die Kraft.
Es tut mir weh, mein Hals wird kalt, mein Bauch ist leer, meine Augen sind nur halb geöffnet, mehr kann ich nicht, es ist schon so schwer genug.
Aber ich denke nicht daran aufzuhören, ich weiß dass es sonst viel schlimmer wäre. Es wäre das Ende. Mein Ende.
Nach einem Weg, voller Tage, die ich halb wach durch die Straßen gerannt bin und mit offenem Mund den Leuten zugeguckt habe während sie ihre Arbeit erledigten und ich genau wusste, dass ich wahrscheinlich der einzige Mensch bin, der nicht im Stande ist seine Arbeit zu machen. An denen ich erst irgendwo gegen laufen musste um zu verstehen, dass ich da bin. Das ich nicht träume. Das hier ist ein Tag. Einer dieser Tage.
Dieses furchtbare halb Leben, dieses Suchen, Kramen, überall. Bis ich mich nur noch fallen lasse und hoffe, dass es bald, bald...
Und plötzlich, tatsächlich.
Alles fließt- Es kommt. Es ist nun da ich habe es gefunden. Es und es.
Es war nie weg und versteckt hatte es sich wahrscheinlich auch nie. Es spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Regengüsse über mir. Einer, dann zwei. Gewitter und Windstöße, dann die warmen Sonnenstrahlen. Alles dringt in mich ein. Ich habe jetzt keine Zeit mich vor irgendetwas zu schützen. Aber was ich kann ist sitzen und meine Hand Bewegungen ausführen lassen. Stur und ausdauernd. Das hat sie gelernt. Am Ende ist sie alles was ich brauche. Zwingend.
Wenn ich schreibe merke ich selbst was mit mir los ist, was in mir passiert, was ich sehe höre was ich beobachte.
Ich erkenne Dinge, sie fallen mir auf, sie beginnen Formen anzunehmen.
Ohne sie wäre es mir unmöglich irgendetwas zu akzeptieren, weiter zu laufen, mir würde soviel verloren gehen. Ich schreibe jeden Stein der mir im Magen liegt auf. Lang und gedehnt. Oder kurz und treffend. Bis er an Gewicht verliert und weniger gemein ist. Ich teile sie mit dem Freund Papier, der sie aufbewahrt, sie in ihrer Konsistenz verändert, ihre Stärke jedoch achtet.
Wenn ich schreibe höre ich für den Moment auf zu existieren. Dann existiert nur noch das Gefühl, der Gedanke, immer nacheinander. Ich trete zurück.
Wenn ich schreibe werde ich jedes Mal neu geboren, wachse, werde erwachsen, fange an alt zu werden und sterbe.
Jedes Schreiben ist ein Leben. Mit der ganzen Stärke, Leichtigkeit und Brutalität. Es ist das reinste Geschenk und die pure Gewalt. Und es ist in mir. Und es wird nicht weniger. Die einzige Konstante. In einem Raum, in dem sich alles dreht und wendet, ist das hier an mir festgewachsen.


Ein Frühling wie Sommer
Marielle Schavan
28.4.07

Ein letztes Mal Rhein. Unser schöner Fluss glitzert gold, blau in der Abendsonne. Sicher ist er so wenig blau wie die Landschaft um uns herum Paradiesisch, aber für uns ist er das. Und das ist nicht nur heute Abend so.
Wie lange kommen wir nun schon an diesen Ort? Mir jedenfalls kommt es vor, als wären wir hier geboren. Die Sonne wärmt unsere Haut. Wir verteilen uns und sind doch so nah beieinander. Wir sind laut, wir lachen. Wir wissen, dass es genauso nie wieder sein wird. So sehr wir diesen Augenblick anbeten. Nie wieder wird es genauso sein. Jeder von uns weiß das und wir spüren was wir fühlen. Ich laufe ans Wasser. Wie fühlen sich nasse Steine an? Ich schließe die Augen.
Leo kommt mir hinterher. Wir stehen nebeneinander, wir lächeln uns an. Es ist ein fröhliches Lächeln, ein warmes Lächeln. Es ist echt! Wir wissen was wir an uns haben, schon immer.
„Und jetzt?“, fragt er und wir sehen dabei gleichzeitig hinauf zur untergehenden, immer noch strahlenden Sonne, als fänden wir in ihr den Weg, der unser Leben bestimmen soll.
„Ich weiß es nicht.“ Wir lächeln uns wieder an. Der Zusammenhalt der ganzen Gruppe scheint unerschöpflich heute Abend. Sogar Mende, der groß und auffallend bei den anderen steht, fühle ich mich verbunden.
„Aber war schon schön!“, redet Leo weiter und sieht mich dabei wieder an.
„Ja!“ Und dabei nicke ich um die unendliche Wahrheit dieses Wortes zu unterstreichen. Wir lachen. Wir wissen gar nichts. Nur das es nie mehr so sein wird. Die Geräusche der Anderen.
Wir sind gewachsen. Wir haben gelernt. Wir sind stärker geworden. Wir sind erwachsen geworden, über die Jahre.
Aber bei Allem waren wir zusammen und haben uns gestützt. Wir haben gelernt zu leben. Wenigstens etwas.
Das ist der schönste Abend den wir jemals hatten, vielleicht gerade weil wir um seine Einmaligkeit bescheid wissen.
Ich schaue noch mal dort hin wo sich die Sonne auf dem Wasser spiegelt. Und ich spüre, dass die anderen es mir gleich tun. Wir sehen in die Ferne. Keiner hat eine Ahnung wohin wir gehen. Nur das wir gehen, ist allen klar. Und es ist schon okay. Wie banal.
Leise, ohne ein Wort zu sagen gehen wir nach Hause. Es ist Nacht, stockdunkel, das Gras ist feucht und um uns die Grillen. Wir gehen dicht beieinander. Ich fühle Lukas neben mir. Er ist warm. Ich atme tief ein und sehe in die Sterne. Wir lassen alles zurück ohne uns umzudrehen. Denn wir gehen einfach weiter.


Bedeutung von Schreiben
Caroline Corteville
3.8.2003

Bevor ich zur Eckenroth Stiftung kam, war Schreiben für mich nicht wichtig. Ich tat es eben, weil es von mir verlangt wurde. Das war normal. Jeder machte das so. Ich dachte nicht darüber nach. Eigentlich schrieb ich nur meine Hausaufgaben und manchmal einen Brief oder einen Tagebucheintrag. Oft tat ich das nur aus schlechtem Gewissen, weil das Tagebuch schon ewige Zeiten in meinem Schrank ruhte und nicht einmal ein Fünftel davon voll war. Ich schrieb, wenn ich musste und wenn ich etwas mitteilen wollte, das mündlich nicht ging.

So war es beim Theaterstück Corpus- Christi. Ich schrieb einen Brief an das
Theater Heilbronn, weil ich mich über die vielen unsachlichen, oft gedankenlosen Kommentare ärgerte, die darüber geäußert wurden. Leute, die das Stück nie gesehen hatten, meinten mitreden zu müssen. Das erste Mal in meinem Leben hielt ich es für wichtig, öffentlich meine Meinung zu sagen. Das Schreiben war mein Transportmittel.

Mein Brief hing im Theaterfoyer aus, zusammen mit hunderten Briefen von Erwachsenen. Ich hörte Theaterbesucher darüber diskutieren, ob das tatsächlich eine fast Fünfzehnjährige geschrieben habe. Ich merkte, dass sich viele von meinem Brief angesprochen fühlten.

Dann lädt mich Frau Lienhard nach Eckenroth ein. Ich bin stolz und glücklich. Mein Brief ist aufgefallen. Jemand meint, dass ich etwas gut kann, dass ich gut schreiben kann. Es ist ein Lob. Ich fühle mich geschmeichelt. Das tut unheimlich gut zu hören, dass ich etwas besonderes kann. Deshalb probiere ich es aus mit Eckenroth. Wer weiss, vielleicht bin ich ja wirklich eine gute Schreiberin?

Langsam verändert sich mein Schreibgefühl. Das Experiment ist geglückt.
Ich habe das Schreiben für mich entdeckt. Nicht mehr nur als bloßes Transportmittel von Botschaften oder, um Aufmerksamkeit zu erregen, sondern als Spielzeug und Notwendigkeit für mich.
Ich habe Spaß daran zu phantasieren, zu erzählen, zu experimentieren und zu träumen. Alle nötigen Gedanken sind schon immer da. Aber erst jetzt nehmen sie Gestalt an. Aus dem Spuk in meinem Kopf werden Geschichten. Erst wenn ich ihn zu Papier bringe, wird er für mich greifbar. Erst da erkenne ich wirklich, was in mir und um mich herum vorgeht.

Beim Schreiben kann ich meine Gefühle ausleben, mir alles von der Seele schreiben. Wenn es fest da steht, fühle ich mich leichter. Ich kann dann viel besser darüber nachdenken, mich selbst klarer sehen. Schreiben ist notwendig, um mich selbst zu verstehen, mich im Chaos von Verstand, Seele und Körper zumindest einigermaßen zurecht zu finden.

Aus Spaß erfinde ich Geschichten. Ich mag es, mir verrückte Dinge vorzustellen, mich in verschiedene Figuren und Situationen hineinzuversetzen. Es ist wie verkleiden oder mit Puppen spielen in meinem Kopf. Das passiert auch beim Bücher lesen. Beim Schreiben lese ich dann meine eigenen Gedanken- Bücher.

Ich schreibe, um meine Gefühle auszudrücken. Damit sich nicht alles aufstaut und ich irgendwann platze. Ich brauche es, um mich von ihnen zu befreien ohne sie abzutöten, um sie zu behalten und nicht an ihnen zu ersticken.

Ich brauche das Schreiben, um mich anderen verständlich machen zu können. Ich kann so vieles nicht sagen, also muss ich es schreiben. Mit gesprochenen Worten kann ich mich nicht gut ausdrücken. Sie sind oft leer und vergehen so schnell.
Gesprochene Worte sind zu schnell für mich. Ich bin ein langsamer Mensch und meine Gedanken können mit den Worten einfach nicht Schritt halten. Aber Papier ist geduldig.



Das Lied der Deutschen
Caroline Corteville
August 2004

Das Lied der Deutschen

Der Pausengong. Endlich! Bücher werden zugeschlagen, Brote ausgepackt, geflüsterte Unterhaltungen lautstark weitergeführt.
„Die Stunde ist erst zu Ende, wenn ich es sage!“ schimpft Herr Mucke. Langsam wird es wieder ruhiger. „Als Hausaufgabe lernt ihr „Das Lied der Deutschen“ von Hoffmann von Fallersleben auswendig. Wer die erste Strophe nicht lernen möchte, soll sich die geografische Lage von Maas, Memel, Etsch und Belt anschauen. Die zweite und dritte Strophe sind Pflicht. Die deutsche Nationalhymne sollte man können. Ich rate euch: Lernt! Morgen werde ich den Text abfragen.“ Mit diesen Worten verlässt Herr Mucke das Zimmer.

Ich starre ins aufgeschlagene Buch:

DAS LIED DER DEUTSCHEN
von Hoffmann von Fallersleben

1.Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält;
Von der Maas bis an die Memel,
von der Etsch bis an den Belt;
Deutschland, Deutschland über alles,
über alles in der Welt!

Das soll ich morgen aufsagen? Unmöglich! So etwas kann ich nicht öffentlich vortragen!
Das sind imperialistische Parolen! Was sollen denn unsere Nachbarländer denken, wenn ihre Gebiete auf diese Weise mit Deutschland in Zusammenhang gebracht werden? Erst Recht nach den beiden Weltkriegen, wo mit diesem Lied auf den Lippen unzählige Grausamkeiten verübt wurden.
Heute sind wir mit den ehemaligen Feinden befreundet. Doch das nationalistische und rassistische Gedankengut lebt weiter in diesem Lied.
Wenn ich mir vorstelle, dass früher einmal alle drei Strophen die deutsche Nationalhymne waren, wird mir ganz schlecht.
Mag sein, dass Fallersleben dieses Gedicht in bester Absicht geschrieben hat. Trotzdem sind seine Worte völlig unangemessen.

Deutschland steht nicht über allem. Es ist nicht das Wichtigste auf der Welt. Diese gnadenlose Arroganz ist nicht zum Aushalten.
Wie soll ein vereintes Europa funktionieren, wenn jeder der Erste sein will? Wie soll Frieden herrschen?
Ich bin froh, dass ich in Deutschland leben darf, aber perfekt ist es ganz gewiss nicht.

Die erste Strophe werde ich auf keinen Fall aufsagen. Leider ist die Zweite auch nicht besser:

2. Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten, schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang:
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Was ist denn so toll am deutschen Wein? Die italienischen Weine sind mindestens genauso gut. In Deutschland ist die Musik nicht besser als anderswo auf der Welt.
Was ist deutsche Treue? Obrigkeitshörigkeit bis ins Grab? Nein danke!
Und wie kommen die deutschen Frauen in diese Aufzählung hinein? Die Männer rühmen das was ihnen gehört: Frauen, Treue, Wein und Gesang. Sie betrachten die Frauen als Gegenstände, als ihr Eigentum. Frauen hatten keinen individuellen Wert. Für das Vaterland waren sie nur Gebärmaschinen der Soldaten.
Die Männer sangen ihre Hymne und erwähnten darin ihre Frauen. Niemand kam auf die Idee, dass die Frauen selber mitsingen möchten. Eine Nationalhymne sollte schließlich das ganze Volk vertreten, nicht nur den männlichen Teil.
Wie kann ich als Frau diesen Text guten Gewissens vortragen?
Die deutschen Herren grölen über Wein, Weib und Gesang und preisen sich und ihr Land. Dieses Lied ist ein uralter Stammtischschlager, keine Nationalhymne.

In unserem Deutschbuch erscheint „Das Lied der Deutschen“ in der Rubrik „politische Lyrik“. Der Text stellt eine politische Überzeugung dar, die man entweder teilen kann oder nicht. Ich teile sie nicht!
Was denkt sich der Mucke dabei uns dieses Lied abzufragen? Genügt es nicht es zu lesen?

Ich kann diese beiden Strophen nicht vortragen, denn sie widersprechen meiner Einstellung zu Europa, Frauen und der deutschen Vergangenheit.

Meine Freundin Katja will die erste und zweite Strophe auch nicht aufsagen. Noch in der Schule beraten wir, wie wir Herrn Mucke unseren Standpunkt am besten erklären. Daheim schlage ich Maas, Memel, Etsch und Belt im Atlas nach. Den ganzen Tag überlege ich mir Argumente, warum ich die ersten beiden Strophen nicht vortragen will.

Am nächsten Morgen vor der Deutschstunde bin ich furchtbar aufgeregt.
Ich habe Angst mich vor der ganzen Klasse einer Hausaufgabe zu widersetzen. Was wird Herr Mucke dazu sagen? Wird er unsere Entscheidung akzeptieren, ignorieren, bekämpfen?
Vielleicht sollte ich einfach gar nichts sagen? Wie hoch ist die Chance, dass der Mucke ausgerechnet Katja oder mich abfragen will?
Nein! Ich will kein Feigling sein! Ich will meine Meinung frei äußern können!
Da kommt Herr Mucke herein. Ich schlucke heftig und hebe die Hand.
Es dauert eine Weile bis er mich wahrnimmt. „Ja?“

“Herr Mucke- Ich und Katja werden die erste und zweite Strophe des Deutschlandliedes nicht aufsagen.”
Jetzt ist es raus. Ich habe mich getraut. Die ganze Klasse ist muxmäuschenstill. Alle Blicke wandern zwischen Herrn Mucke und mir hin und her. Wie wird er reagieren?

Der Mucke schaut mich entgeistert an. “Die erste Strophe lernen war ja freiwillig, aber was habt ihr gegen die Zweite?”
Ich versuche ihm in die Augen zu schauen, ganz ruhig zu bleiben, obwohl ich innerlich zittere.
“Wir betrachten die zweite Strophe als frauenfeindlich. Da geht es nur um Wein, Weib und Gesang. Die Frauen wurden als Gegenstände betrachtet. Sie waren Eigentum der Männer und Gebärmaschinen . Erst für den Kaiser, dann für Hitler.”
Katja nickt zustimmend.
“Als das Lied geschrieben wurde, gab es noch gar keinen Kaiser.” Mucke schaut auf mich herunter.

Ich werde immer nervöser. Meine Hände sind schon ganz feucht. “Vorher wurden die Frauen auch schon unterdrückt.” “Aber ‘Gebärmaschinen’ kann man doch so nicht stehenlassen. Das steht ja auch nicht im Text.” “Natürlich steht es so nicht da, aber
zwischen den Zeilen.” flüstert Katja.

Auf einmal meldet sich Janine: ”Die Frauen waren es gewohnt unterdrückt zu sein. Sie kannten nichts anderes und haben sich deshalb nicht als Unterdrückte gefühlt.”
Und Björn: “Dazu soll sie (also ich) jetzt mal Stellung nehmen.”
Mir hat es die Sprache verschlagen. Das gibt’s doch nicht! Wie können mir meine eigenen Mitschüler so in den Rücken fallen? Diese Penner! Björns patriarchalische Ansichten kannte ich schon. Sie sind einer der Gründe für die ausgeprägte gegenseitige Abneigung zwischen uns. Aber ich hätte nie gedacht, dass Janine so viel Blödheit besitzt.
Diese dämliche Ziege! Ihre eigenen Geschlechtsgenossinnen zu verraten. Von mir aus kann sie ja das Deutschlandlied vorwärts und rückwärts aufsagen . Ist mir total egal. Aber dieser Satz: ‘Die Frauen kannten nichts anderes und fühlten sich deshalb nicht als
Unterdrückte.’ Mir sträuben sich alle Nackenhaare! Hat die Semmelbrösel im Hirn? Kein Wunder, dass sie sich nie als Unterdrückte fühlt. Die unterwirft sich selbst freiwillig, ohne es zu merken!

Alle Blicke ruhen auf mir.
Nicht ablenken lassen! Es geht hier um ‚Das Lied der Deutschen’, nichts anderes. Mit Janine streiten kann ich später. Ich muss Herrn Mucke meine Argumente klarmachen.
“ Die erste und zweite Strophe vermitteln ein falsches Deutschlandbild. Sie wurden von den Nazis missbraucht und heute noch von Neonazis gesungen.”
“Man kann es ja trotzdem aufsagen. Man muss nur cool dabei bleiben.”

Er versteht mich nicht, er will mich überhaupt nicht verstehen! Egal was ich sage, er wischt meine Einwände beiseite. Ich fühle mich immer kleiner und kleiner werden.
Herr Mucke kann doch nicht einfach über den Inhalt und die Bedeutung dieses Liedes hinwegsehen. Ein Gedicht ist mehr als ein Haufen Worte.
In mir breitet sich Ärger aus. Das Deutschlandlied ist weder ‘Belsazar’, noch ‘Erlkönig’ oder gar ein nettes Herbstgedicht. Erste und zweite Strophe sind total antieuropäisch und frauenfeindlich. Ich beiße mir auf die Lippen.
So was kann ich nicht einfach ‘cool’ aufsagen.

Mucke lässt nicht locker: ”Man braucht ja nicht daran denken, dass es die Neonazis singen und wie sie es auslegen. So war es vom Fallersleben auch nicht gemeint.”

Jaja, ich kenne Muckes Theorie. Nach ihm sind Maas, Memel, Etsch und Belt nur die Grenzen der deutschen Sprache. Das ist alles in keinster Weise nationalistisch gemeint, sondern rein kulturell.
Aber weshalb wird dann nur noch die 3. Strophe gesungen?

Charlotte meldet sich: “Ich möchte die ersten beiden Strophen auch nicht aufsagen. Aber ich habe das Lied dreimal abgeschrieben, um zu zeigen, dass es nicht an der Faulheit lag.” Muckes Liebling wird natürlich nicht nach ihren Gründen gefragt. Aus der Diskussion hält sie sich raus. Sie will ja ihre gute Note nicht riskieren.

“Bei Katja und Cora liegt es auch nicht an der Faulheit”, wirft Prekash ein. “Die haben bisher alle Hausaufgaben gemacht.” Immerhin einer, der uns unterstützt!

Ich presse vor Wut meine Kiefer fest aufeinander.
Es geht nicht darum, dass ich die ersten beiden Strophen nicht auswendig lernen will. Das Auswendiglernen ist für mich kein Problem. Ich habe den Text ein paar Mal durchgelesen, da konnte ich ihn ganz von selbst.
Ich will diesen dämlichen Text nicht aufsagen! Die erste und zweite Strophe laufen meiner gesamten Wertvorstellung zuwider. Ich weigere mich strikt dieser Missgeburt von arrogantem deutschem Nationalismus, antieuropäischen Gedanken und Frauenfeindlichkeit meinen Mund zu leihen!
Das ist als zwänge man einen gläubigen Moslem öffentlich das katholische Glaubensbekenntnis zu beten.
Diesen Text aufsagen, hieße mir selbst untreu werden.

“Man muss das Deutschlandlied ganz kennen, sonst kann man nicht darüber reden!” Aus Muckes Mund klingt es wie: ‘Ihr armen, dummen Kinder wisst eh nicht was richtig und was falsch ist. Ich will doch nur euer Bestes.’

In der Schule lernt man seinen eigenen Verstand zu gebrauchen?
Das ich nicht lache! Ich spüre doch wie er mich nicht ernst nimmt. Dort vorne steht er, der erhabene Allwissende. Für ihn zählt nur das, was aus seinem eigenen Mund kommt. Alles andere lässt er nicht gelten.

Er sonnt sich in dem Gefühl einer Fünfzehnjährigen rhetorisch
überlegen zu sein. Während ihm der Rest der Klasse beipflichtet
oder zu feige ist eine andere Meinung zu vertreten.

Katja legt ihre Hand auf meinen Arm. Sie ist noch stiller als ich, kann noch weniger gegen den Mucke argumentieren. Als Russlanddeutsche war sie schon vorher nicht gut bei ihm angeschrieben. Beim Mucke wird sie jedes Mal so nervös, dass sie sich ständig verhaspelt.
Sie leistet mir geistige Unterstützung. Ich weiß, ich bin nicht allein.

Mucke ruft Teresa auf. Sie soll die zweite Strophe vortragen. Vor der Stunde war Teresa noch auf unserer Seite. Als Portugiesin reagierte sie empfindlich auf derartige Deutschtümelei. Sie schimpfte über den Mucke und diese bescheuerte Hausaufgabe. Doch jetzt sagt sie brav ihre Strophe, ohne ihm zu widersprechen. Diese inkonsequente Heuchlerin! Große Reden schwingen kann sie gut. Aber wenn es ans Handeln geht, zieht sie den Schwanz ein. Ist sie zu feige dem Mucke Widerstand zu leisten? Oder ist es ihr egal was für Worte aus ihrem Mund kommen?
Ich kann sie nicht verstehen.

Durch die Folgsamkeit der anderen fühlt er sich nur noch mehr im Recht. Egal was ich sage, er gibt mir das Gefühl nichts wert zu sein. „Jemand, der ‚Das Lied der Deutschen’ nicht kennt, kann auch nicht darüber diskutieren. Deshalb möchte ich, dass ihr es auswendig lernt.“
Nationalismus und Chauvinismus werden cool in Kauf genommen. Ich bin hilflos dagegen. Als würde ich gegen eine Wand anrennen. Die Wand kriegt keinen Kratzer, aber ich bin voller Schrammen und Beulen.

„Um über die Problematik dieses Liedes diskutieren zu können, muss man es kennen.” - “Ich kenne das Lied ja. Ich will es nur nicht aufsagen.” - “Man muss doch wissen worum es geht. Sonst kann man nicht darüber reden.” - „Ich weiß worum es in diesem Lied geht.“
Seltsam, dass er als Deutschlehrer den Unterschied zwischen etwas kennen und etwas aufsagen völlig ignoriert. Oder meint er seine Begründung wird besser je häufiger er sie anführt?
Muss man das Horst-Wessel-Lied erst auswendig lernen, um darüber reden zu dürfen? Schließlich war das auch mal Teil der deutschen Nationalhymne.
Oh, wenn ich doch nur wortgewandter wäre! Warum fallen mir alle gute Argumente immer erst nach der Diskussion ein?



“Kannst du wenigstens die dritte Strophe aufsagen?” argwöhnt Herr Mucke. Für wie blöd hält der mich? Die dritte Strophe ist die deutsche Nationalhymne. Die habe ich schon in der ersten Klasse gesungen.
Ich weiß, wenn ich die nicht aufsagen könnte, würde mich Mucke zur kleinsten Kakerlake unter seiner Schuhsohle machen. “Gegen die dritte Strophe habe ich nichts.“ Ein hämisches Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus: “Wenn du sie kannst, dann sag sie mal.”
Tja, so billig kriegst du mich nicht!

3. Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand:
Blüh im Glanz dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!
Herr Mucke scheint ein wenig enttäuscht, dass ich keinen Fehler gemacht habe. “Naja”, meint er, “Ich gebe euch jetzt keinen Strich für nicht gemachte Hausaufgaben. Ihr habt ja versucht es zu begründen.”

Was heißt hier ‚versucht zu begründen’!? Ich habe meine Meinung begründet. Doch er weigert sich meine Argumente anzuerkennen. Dieser arrogante, rechthaberische Gockel!
Ich starre ihn an, so feurig und böse, dass mir die Augen weh tun. Wenn Blicke töten könnten, wäre der Mucke jetzt dran.

Herr Mucke bemerkt nichts davon. Er schaut über mich hinweg irgendwo in die Klasse hinein.
“Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang - das waren damals die vier Dinge für die Deutschland im Ausland berühmt war.”
So ein Unsinn! Das sind Stammtischparolen, Gesalbadere von Leuten, die sich einbilden was besseres zu sein.

„Ja, Wein, Musik und Frauen dafür war Deutschland bekannt. Und die herausragendste deutsche Tugend war die Treue. Was gilt heute als deutsche Tugend?”


Einige Schüler antworten: “Ordnung”, “Fleiß”, “Pünktlichkeit” und “Disziplin”. Das sagen gerade die, die ihre Hausaufgaben abschreiben, zu spät kommen und Schule schwänzen. Genauso gut könnte man sagen: “Bayerische Lederhosen, Kuckucksuhren, Weißwurst und Bier”.

“Das einzige worüber sich eine Frau in der zweiten Strophe aufregen könnte ist, dass die deutsche Frau dort als Sache zu Treue, Wein und Gesang gezählt wird.” Was? Ich zucke zusammen. Das habe ich doch vorhin gesagt! Bei mir hat er es nicht gelten lassen.
Warum hat er meine Argumente nicht akzeptiert? Aus Besserwisserei oder, weil er um seine Autorität fürchtet? Hat er mir überhaupt zugehört? Wut schnürt mir die Kehle zu.
Er gibt meine Gedanken als seine aus! Mich hat er als kleines Dummchen vorgeführt. Doch kaum kommen meine Argumente aus seinem Mund sind sie Gold wert. Was soll der Quatsch?
Ich knete meine Hände fest ineinander, stelle mir vor Muckes Hals sei dazwischen.

Mit seinem überheblichen Getue hat Mucke alle meine Einwände runtergemacht. Und die meisten Schüler haben ihn dabei unterstützt.
Ich habe zwar erreicht was ich wollte. Katja und ich haben die dämlichen Strophen nicht vorgetragen. Doch ich fühle mich gedemütigt. Mucke hat mich als faule, überempfindliche Möchtegern-Emanze abgestempelt, der er gnädig einen 'Fehltritt’ verzeiht. 
“Das war ja alles nur Schikane,” flüstert Katja mir zu.



4 Jahre später

Vier Jahre später ärgere ich mich immer noch über die Arroganz meines Deutschlehrers und die Dummheit und Feigheit meiner Mitschüler.
Muckes Verhalten war eine Ungerechtigkeit! Er hat mich fertiggemacht, indem er meine Argumente ignorierte. Er hat den Über- alles- Erhabenen gespielt.
Ich kann ihm nicht vergeben, dass er meine Meinung nicht akzeptierte, dass er mich nicht ernst genommen hat.
Ich bin wie ein Elefant, der seine schlechten Erlebnisse nicht vergisst.

Mucke hat mich wie ein dummes Kind behandelt. Wofür hält der sich? Ich hasse es, so vorgeführt zu werden! Schaut alle her, dieses kleine Affenmädel wagt es eine andere Meinung zu haben als ich, der große Affenbändiger.
Nur weil er Lehrer ist, hat er die Weisheit nicht für sich gepachtet!

Warum hat er uns dieses dämliche Lied überhaupt aufgegeben? Warum sollten wir es auswendig lernen und vor der Klasse vortragen?
Diese Worte haben in der Vergangenheit schon genug Schaden angerichtet. Inzwischen sollten wir aus der Geschichte gelernt haben.

Unter Berufung auf dieses Lied wurde im Laufe der deutschen Geschichte zu viel Scheiße gebaut. (Das einzige passende Wort dafür ist Scheiße. Ich kann es nicht anders nennen.)

Warum wird es trotzdem weiterhin mitgeschleift?
Nach 1945 sollte ein neues Deutschland aufgebaut werden. Aber der Bruch mit der Vergangenheit wurde nicht vollzogen.
Ich denke nicht an eine Ausklammerung der Geschichte, sondern an einen bewussten Neuanfang. Einen Neuanfang, der auf das Geschehene aufbaut, indem er sich klar davon abgrenzt. Das Symbol dafür wäre eine neue Hymne gewesen. Doch diese Gelegenheit wurde nicht genutzt.
Nun müssen wir uns mit diesem unförmigen Fossil herumschlagen.

Leider gibt es Lehrer die sich vor der Auseinandersetzung mit diesem „Lied der Deutschen“ drücken. Sie geben es als Hausaufgabe oder lassen es die Schüler schnell durchgelesen. Die kritische Überprüfung von Inhalt und Geschichte des Liedes fällt dabei unter den Tisch.


Den meisten Schülern ist es sowieso egal. Sie tun was der Lehrer von ihnen verlangt ohne ihr eigenes Hirn einzuschalten.

Wer weiß wie viele Schüler jedes Jahr dieses Lied lernen, ganz selbstverständlich, ohne sich was dabei zu denken?
Wie viele Kinder kriegen zu hören: „ Das war doch vom Fallersleben gar nicht so gemeint. Die Franzosen rufen in ihrer Marseillaise zum Krieg auf. Das ist noch viel schlimmer und niemand sagt was dagegen.“
So bekommen die Schüler indirekt und unreflektiert die alten, längst überholten Werte eingetrichtert.

Die Entwicklung geht in die völlig falsche Richtung. Anstatt mit neuen Ideen in die Zukunft zu starten, werden die uralten, längst überholten Dummheiten wieder aufpoliert, bis sie in hellem unkritischem Licht glänzen! Reicht es nicht, jeden Fehler einmal zu machen, um daraus klug zu werden?

Die Schüler scheint das nicht zu interessieren.
In was für einer Gesellschaft leben wir, wenn Jugendliche solche Texte befürworten oder kriecherisch ihre eigene Meinung gegen die des Lehrers eintauschen? Entweder sie sind Nationalisten, Machos, Schleimer, Feiglinge oder zu naiv das Problem zu erkennen. In jedem Fall: ein Armutszeugnis!

Ungerechtigkeiten wie diese kommen in der Schule immer wieder vor.
Meistens entstehen sie durch Überheblichkeit der Lehrer und absolut mangelhafter oder überhaupt nicht vorhandener Solidarität der Schüler.

In der 6. Klasse mussten wir „Das Lied der Deutschen“ im Musikunterricht singen. Mit allen drei Strophen.
Ein türkischer Mitschüler und ich waren die einzigen, die erst bei der dritten Strophe eingesetzt haben. Der Musiklehrer hat es nicht gemerkt. Ich weiß nicht, was er sonst gesagt hätte.

Diese Geschichte zeigt, dass „Das Lied der Deutschen“ nicht nur in Einzelfällen unterrichtet wird.

Weder mein Deutschlehrer noch mein Musiklehrer sind Rechtsextremisten. Sie haben „Das Lied der Deutschen“ nicht unterrichtet, um eine bestimmte Ideologie zu verbreiten. Herr Mucke definiert sich selbst als guten Demokraten.
Bei einem Nazi hätte mich eine derartige Reaktion nicht gewundert. Aber ich finde es beängstigend, dass gerade Lehrer, die der demokratischen Grundordnung verpflichtet sind, so sorglos mit diesem Thema umgehen.
Sie sollten bei nationalistischen Parolen doppelt vorsichtig sein.
Stattdessen werden der Liedtext und die alten Ideale zu etwas Normalem, etwas Alltäglichem, über das man nicht mehr nachdenkt.

Auf diese Weise erlangen sie ein Stück Akzeptanz in der Gesellschaft. Akzeptanz, die heute mitten in unserem modernen, vereinigten Europa keinen Platz haben sollte.

 


Vom Wert des Schreibens
Simon Thummet
29.03.2005


Beim Schreiben passieren vielerlei Dinge. Längst vergessene Erinnerungen kochen wieder in mir hoch. Schon vergessene Momente in meinem Leben passieren noch mal.
Manches übers Schreiben wusste ich bereits vor Eckenroth. Doch benutzte ich das Schreiben damals nur zum Spaß. Immer wenn ich Lust hatte schrieb ich ein paar Zeilen. Umso überraschender war es, als ich am Förderprogramm der Stiftung teilnahm. Auf Kommando die früheste Erinnerung schreiben. Das hat mich ein Wenig überfordert. Doch durch das Schreiben kommen immer mehr Erinnerungen, aus denen ich noch tausende anderer Geschichten und Texte schreiben könnte in mir hoch. Ich bin zum Teil immer wieder selbst überrascht, was mir alles für Einzelheiten meiner Kindheit im Kopf herum spuken, an die ich vor Eckenroth nie gedacht hätte. Das Schreiben ist meine plötzliche Umstellung von Gegenwart auf Erinnerungen.
Gefühle sind beim Schreiben sehr wichtig, denn ohne Gefühle bleibt die Geschichte meist leblos und tot. Das Papier vor mir kann ich als Person benutzen und ihm alles erzählen. Es hört mir immer zu. Meine Sorgen sind nach dem Schreiben in die Geschichte gebannt. Und meine Freude ist doppelt so groß, wenn ich mir den Text nochmals durchlese. So kann ich mir jederzeit ein Lächeln mit der Geschichte auf die Lippen zaubern. Das Schreiben hilft mir beim Verdauen schlimmer Ereignisse. Und aller Stress ist wie weggeblasen, wenn ich vor dem Computer ein paar Texte tippe. Dabei ist es egal, was ich schreibe. Meist ist es Mist, was herauskommt, doch befreit es doch vollends.
Von der Eckenroth Stiftung bekam ich einmal die Aufgabe 14 Tage lang immer10 Minuten täglich zu schreiben. Das Ergebnis auf Papier war nicht gerade ein Bestsellerroman. Dafür fühlte ich mich gut. Mein Zimmer war total aufgeräumt. Meine Hausaufgaben im Nu erledigt.
Wenn es mir zu Hause zu bunt zugeht, schreibe ich nun öfter etwas. Es macht Spaß, auch wenn es Überwindung kostet bei noch tausend anstehenden Arbeiten für kurze Zeit den PC anzumachen. Dafür erledigen sich diese Arbeiten danach wie von selbst.
Schreiben hilft mir beim Entspannen. Jetzt schreibe ich nicht nur noch zum Spaß, sondern auch, wenn es mir schlecht geht und ich eigentlich keine Lust habe. Das ist anstrengend und kostet viel Überwindung. Doch könnte ich mir kein schöneres Leben vorstellen, wenn ich mich immer wieder an mir selbst in meinen Texten erfreuen kann.


Schreiben
Simon Thummet
29.03.2005

Das Schreiben auf Kommando ist meine persönliche Umstellung von
Gegenwart auf Erinnerungen

Wenn der Befehl Eintrifft, über etwas zu schreiben, egal ob von mir selbst oder jemandem anders, dann ist die jetzige Lage völlig unwichtig. Wenn ich den Appell ernst nehme, dann sind die Umgebung und die aktuellen Gefühle absolut egal. Es zählen nur noch die Gedanken die zu dem Thema passen, die anderen werden beiseite geschoben. Ich könnte sogar meinen Namen vergessen, wenn er nichts mit dem Thema zu tun hat, Diese Konzentration auf Inhalte des Gehirns, die für das Thema wichtig sind, ist für mich der zentrale wichtige Punkt des Schreibens. Deswegen fühle ich mich nach dem Schreiben meist wie Neugeboren: Sorgen und Missgefühle bleiben verloren.
Es ist wie eine zweite Welt, in die ich eintauche. Der Befehl zum Schreiben ist die Überleitung von der normalen Welt zu einer, in der ich mich wohl fühle und nichts zu tun brauche, bis auf den bis auf thematisierte Gedanken leer gespülten Gehirninhalt aufzuschreiben. Diese Überleitung hängt zusätzlich von meinem Willen zum Übertritt ab. Beim nachdenken vorm Schreiben werden alle Gedanken ausgelöscht, die nichts mit dem Thema zu tun haben. Die gesamten restlichen Gedanken auf Papier zu bringen gelingt mir immer noch nicht ganz, aber doch um ein Vielfaches


Wenn ich schreibe…
Zarah Weiss
01. 12 07

Wenn ich schreibe…
Wenn ich schreibe, landen Buchstaben, Wörter und Sätze auf dem Papier, ohne, dass ich darüber nachdenke, wie sie dort hinkommen.
Mein Kopf ist voller Gedanken, die alle heraus wollen, alle auf dem Papier stehen wollen und manchmal schneller sind als meine Hand.
Wenn ich schreibe, denke ich nicht mehr darüber nach, was ich tue.
Ich spreche jedes einzelne Wort lautlos aus, während ich es schreibe - dann hallt es in meinem Kopf herum und wird bald schon wieder durch ein neues ersetzt.
Wenn ich schreibe, betrachte ich, wie sich die Buchstaben entwickeln.
Ich bin mit meinem Kopf aber ganz woanders, nämlich tief in meinem Kopf, in meinen Erinnerungen und Gedanken.
Wenn ich schreibe, vergesse ich.
Ich vergesse alles, wer ich bin, wo ich bin, was ich mache - ich bin nämlich weg.
Wenn ich schreibe, bin ich auf einer Reise, die mich überall hinführt.
Alles andere ist nebensächlich, Probleme treten in den Hintergrund und meine zeitliche und räumliche Umgebung nehme ich nicht mehr wahr.
Wenn ich schreibe, bin ich ganz allein, aber gleichzeitig bin ich auch mit vielen anderen zusammen.
Ich höre das kratzende Geräusch des Füllers und merke, wie ruhig und sanft alles fließt.
Wenn ich schreibe, kann um mich herum viel passieren.
Der Tag kann vergehen und Dinge können passieren, ohne dass ich es merke, obwohl ich es wahrnehme.
Wenn ich schreibe, befreie ich auch meinen Kopf, der so voll von Gedanken ist.
Platz für neue Gedanken entsteht, ohne dass andere verloren gehen.
Wenn ich schreibe, verewige ich mich sozusagen selbst.
Ich schreibe mich selbst aufs Papier mit allem, was ich habe.
Wenn ich schreibe, ist das wie eine Art Entspannung.
Dabei erschöpft es auch, aber ich bin glücklich, ich habe etwas getan.
Wenn ich schreibe, bin ich dort, wo mich die Gedanken oder Erlebnisse, die ich aufschreibe, hinführen.
Ich bin ganz woanders, aber gleichzeitig bin ich auch genau hier.

Wenn ich schreibe, entstehen viele Gegensätze.
Und es entstehen neue Gedanken während des Schreibens.
Wenn ich schreibe, dann denke ich über all das gar nicht nach.
Es ist da und ich schreibe.

_________________________________________________________________________
Von allen Kassen empfohlen – kalorienfrei und zahnfreundlich!
Betthupferl aus Eckenroth:

Licht und Schatten

Vor langer, langer Zeit lagen die Nacht und der Tag im Streit miteinander. Sonne, Mond und Sterne konnten sich nicht einig werden, wie lange sie jeweils am Firmament stehen sollten. Jeder fühlte sich benachteiligt und so wechselten sie sich in immer rascherer Folge am Himmelszelt ab. Es herrschte Chaos: Licht und Schatten – Auf und Ab. Bald schon verlor die Erde an Farbe. Pflanzen und Tiere konnten den ständigen Wechsel zwischen Hell und Dunkel nicht mehr unterscheiden. Das Funkeln der Sterne vom Himmel verschwand und somit auch das Funkeln aus den Augen der Menschen. Eines Abends dann, als die Menschen wieder traurig zu Bett gehen wollten, trat ein kleiner Junge an sein Fenster. „Sonne, Mond und Sterne – was ist nur los mit euch?“, schrie er und Tränen kullerten über seine Wangen. „Bei diesem unsinnigen Streit kann es nur Verlierer geben!“, weinte er und ging tief betrübt zu Bett. Keiner der Streitenden hatte bisher an das Unglück auf der Erde gedacht, das sie mit ihrem Zwist heraufbeschworen. Viel zu sehr waren sie mit sich selbst be-schäftigt. Doch nun standen alle gemeinsam ganz still am Himmelszelt. Sie sahen die Tränen des kleinen Jungen, der seine Welt nicht mehr verstand. Sie erkannten wie selbstsüchtig ihr Handeln war und wünschten sich den alten Glanz am Firmament zurück. Beschämt legten sie ihren Streit bei und gemeinsam entschieden sie, dass die Hälfte eines jeden Tages dem Mond und den Sternen und die andere Hälfte der Sonne gehört. Seit diesem Tage leuchtet das Himmelszelt strahlender denn je.
Sharon, 14 Jahre

 

Pauls Weihnachtsgeschichte
Eine kleine Erzählung für Kinder
Zarah Weiss,
Nachwuchspreis Grüner Lorbeer® 2006


Endlich! Endlich packt Papa wieder die Weihnachtskrippe aus! Den ganzen Advent über, nein, eigentlich schon das ganze Jahr über hat sich Paul darauf gefreut. Paul nimmt den Stall aus Holz, Stroh – und getrocknetes Moos - oder so was Ähnliches – und stellt ihn vor sich hin. Der Tannenbaum ist jetzt egal. Den hat Paul schon geschmückt, Papa macht nur noch die Kerzen dran.

Paul interessiert jetzt nur noch die Krippe. Er schaut in den Karton. Vorsichtig holt er die einzelnen Tüten heraus, in denen Figuren stecken. Die sind aus Ton – oder Porzellan – oder so – und deshalb muss Paul gut aufpassen, dass sie nicht kaputtgehen. Damit die im Karton nicht kaputtgehen, sind die auch in solchen Tütchen mit so Luftbläschen drauf. Das macht vielleicht Spaß, die platzen zu lassen! – Aber Paul lässt das jetzt lieber bleiben, damit die schönen Figuren nicht kaputtgehen.

Langsam öffnet er die erste Tüte. Er ist ganz aufgeregt – und freut sich ganz doll – da – ist der Esel. Paul stellt ihn in den Stall. Der Esel wohnte da, als Jesus geboren wurde! Und der Ochse auch. Den zieht Paul jetzt – vorsichtig – aus dem nächsten Tütchen. Jetzt haben die beiden es sich im Stall gemütlich gemacht und machen „Muh!“ und „I – ah!“ und warten darauf, dass Maria und Josef in den Stall kommen. Da kommt auch schon Josef mit dem Stab angestapft und stellt sich in den Stall und sagt: „Macht mal bitte besser ein bisschen Platz, sonst passt die Maria mit dem dicken Babybauch hier nicht rein!“ Als die Tiere die brummige Stimme von ihm hören, rücken sie voller Erwartung zur Seite. Und da kommt auch schon Maria! Hübsch sieht sie aus in gelb-blauen Gewändern!

Paul holt die Heiligen Drei Könige aus ihren Tüten und lässt sie langsam zum Stall wandern. Kaspar, Melchior und Balthasar wollen schließlich auch dabei sein! Aber sie sind nicht schnell genug. Der Hirte mit dem Babyschaf auf dem Arm ist eher da. Er bleibt vor dem Stall stehen mit dem Lamm, weil drinnen kein Platz mehr ist, aber sein anderes Schaf findet noch einen Schlupfwinkel unter dem kleinen Heuboden. Jetzt sind auch die Heiligen Drei Könige angekommen, einer kniet schon vor dem Stall nieder. Alle sind gespannt. Auch Paul. Aber das Jesuskind kommt nicht. Es ist atemlos still – oder doch nicht?

Ein wunderschöner Gesang! Der kann doch nur vom Engel kommen! Und da kommt der Engel – oder die Engelin eigentlich – mit dem rosa Kleid und den langen gelben Haaren – auch schon angeflogen und fliegt mitten auf den Heuboden und singt da immer weiter. Das hört sich so schön weihnachtlich an, dass alle anfangen zu singen – am allerschönsten singt Paul. Dann packt er die letzte Tüte mit dem Jesuskind in der Futterkrippe aus – stellt es in den Stall – zwischen Maria und Josef – zwischen alle – in die Mitte.

Da liegt es nun und singt auch.


Was Engel erzählen
Marielle Schavan,
Nachwuchspreis Grüner Lorbeer® 2004


Engel kann ich nicht sehen. Ich kann sie riechen, schmecken – hören? Ja, vielleicht auch hören! Engel haben kein Zuhause. Sie wohnen dort, wo Menschen wohnen. Ich kann eine Begegnung mit Engeln nicht planen, wie Ballet oder so was. Sie warten hinter der nächsten Ecke und – Schwupp! – sind sie da. Dann muss man nur noch das Glück haben, sie auch zu erkennen. Denn Engel kommen nicht zu mir und rufen: „Haalllooo, ich bin ein Engel, sage zwei Vater Unser auf und dir wird vergeben werden, dass du mich nicht erkannt hast“ Selbst wenn. Würden wir ihnen glauben? Ich muss sie für mich selbst erkennen, sie achten, lieben und sie aufnehmen in mein Herz, in meinen Kopf. Dann wird der Engel mich immer begleiten. Auf all meinen Wegen. Wohin sie mich auf führen. Ich werde nie mehr allein sein.


Meine früheste Erinnerung an Schnee
Simon Thummet,
Nachwuchspreis Grüner Lorbeer® 2002


Ich bin vier Jahre alt. Heute Nacht hat es geschneit. Ich renne sofort nach unten in das Wohnzimmer. Nach dem Frühstück holt Papa den Schlitten aus der Garage. Wir gehen in den Park. Es dauert ewig. Doch dann sind wir da. Der Hügel ist riesig. Wir steigen hoch. Dann setze ich mich vorne auf den Schlitten und Papa setzt sich hinter mich. „Nimm deine Füße hoch“, befiel er. Ich mache es. Ich rutsche hin und her und halte mich an Papas Knien fest. Endlich! „Aus der Bahn, sonst gibt’s an Semmelschmarrrn!“, ruft Papa. Ich klammere mich fest an die Knie. Es geht bergab. „Aaaah!“, kreische ich. Doch ich komme heil unten an. „Noch mal!“, rufe ich begeistert. Mein Herz klopft ganz schnell. Obwohl es kalt ist, wird mir warm. Dann rutschen wir noch mal. Und noch mal. Und noch mal. Und immer wieder. Doch irgendwann sagt Papa: Komm jetzt. Wir gehen.“ „Nein!“, rufe ich, „Nein!“ Wir streiten uns und schreien uns an. Endlich gibt Papa nach und sagt: „Na gut! Dann fahr halt alleine!“ Und er geht. Ich klettere auf den Hügel. Der Schlitten ist schwer. Oben! Ein Wind kommt auf. Mir wird kalt. Wo ist Papa? Ich rutsche nach unten. Der Schlitten fährt in den Graben. Tränen laufen über meine Wangen. Wo ist Papa? Doch er kommt nicht. Niemand tröstet mich. Ich renne weinend Heim.


Meine früheste Erinnerung an Nikolaus
Bernadette Rauscher
18.11.2011


So ein blöder Mist! Irgendwo müssen die sein! Ich gucke in die eine Schublade. Da sind bloß Schals!
Mein Bauch kribbelt. Ganz viele Ameisen sind da drin.

„Nikolaus, Nikolaus, morgen kommt der NI-KO-LAUS!!!“ sing ich. Ganz laut. Singen ist toll. Auf meinen Knien schlurfe ich weiter. Irgendwo da. In der Garderobe. Da hat Papa die doch ausgezogen. Ganz sicher!! Ich schiebe Mamas Gartenschuhe weg. Die sind viel zu klein. Die brauch ich nicht.

Papas finde ich einfach nicht! Morgen kommt der Nikolaus. Nein, gar nicht morgen, heute Nacht kommt der. Und morgen ist dann was in meinen Schuhen drin. Morgen! Morgen! Morgen! Ich will, dass auf der Stelle Morgen ist! Aber das klappt nicht. Ich muss erstmal die Schuhe rausstellen. Vor die Tür. Damit der Nikolaus die auch findet.

In der nächsten Schublade sind Mützen. Mist!!!
Ich war auch extra lieb. Nur für den Nikolaus. Ich hab mein Zimmer aufgeräumt. Das weiß doch jedes Baby, dass der Nikolaus nur zu den lieben Kindern kommt. Und heute Nacht kommt der. Ganz bestimmt. Hoffentlich findet der unser Haus. Nicht, dass der sich verfährt. Oder verläuft. Wo wohnt eigentlich der Nikolaus?

Unsere Garderobe ist groß. Ich weiß genau, dass der Papa die da hingetan hat. Ganz genau! Ich finde sie einfach nicht! Da sind bloß Jacken. „Was machst du denn da?“ Mama steht hinter mir. Was will die denn! Die kann ich jetzt gar nicht gebrauchen! Ich bin beschäftigt!!! „Ich suche was!“

Ich bin bei meinen Schuhen angekommen. Alle haben die einen Klettverschluss. Ich kann keine Schleife binden. Nee. Meine Schuhe sind zu klein! „Und was suchst du?“ Schon wieder die Mama! Mann, Mama! „Ich suche dem Papa seine Schuhe!“ Mama zieht die Augenbrauen hoch.

Wo sind die denn jetzt? Daaaaa!!!! Da sind sie! Ganz hinten, hinter Papas Jacke versteckt. „Jaaaaa!!!!!“ schrei ich. Ganz laut. Ich hab Papas große grüne Gummistiefel gefunden. Die stell ich jetzt vor die Tür. Zum Glück hat der Papa so große Füße. Da passen richtig viele Sachen rein. Ich düse zu unserer Haustüre. Der Nikolaus kann kommen!!!


Meine früheste Erinnerung an Nikolaus
Nelli Kavouras
17.11.2011


Ruhig ist es, mucksmäuschenstill. Ich muss nießen, tue es aber nicht, weil ich mich benehmen will.
Heute kommt der Nikolaus. Das heißt, er sagt uns, ob wir brav waren und gibt und dann kleine Geschenke. Oder er sagt, dass wir böse waren und dann kommt die Strafe von Knecht Ruprecht. Was die Strafe genau ist, weiß eigentlich niemand von uns, aber sie muss schrecklich sein.

Marco hat sich für heute sogar die Haare gekämmt und ich habe heute zum Frühstück meinen ganzen Teller aufgegessen!
„So, jetzt singen wir ein Lied, bis der Nikolaus kommt!“, ruft Sandra, unsere Kindergärtnerin fröhlich.
Ich mag diese Lieder gar nicht, aber aus Angst, der Nikolaus würde sauer auf mich sein, singe ich mit.
Und dann, mitten im Lied klopft es.
Wir halten alle die Luft an, meine Hände beginnen feucht zu werden.
„Er kommt jetzt“, flüstert mir meine Freundin Sonja zu und nimmt meine Hand.
Die Tür öffnet sich quietschend und das erste, was ich sehe, ist eine seltsame Mütze, die hervorschaut.
So sieht also der Nikolaus aus. Eigentlich sieht er genauso aus, wie unser Pfarrer, denke ich mir enttäuscht.
Auf seiner Mütze ist ein rotes Kreuz zu sehen, er selbst hat ganz funkelnde blaue Augen, die uns anlächeln. Er sieht nett aus, das ist gut.
„Ihr seid also die Pinguin-Gruppe“, ruft er fröhlich.
„Jaaa!“, schreien wir und ich bin ganz stolz darauf, dass er weiß, wie unsere Gruppe heißt.
„Ihr habt gerade so schön gesungen, singt doch weiter, bis ich mein großes Buch hervorgeholt habe“

Nikolaus setzt sich auf seinen Sessel und blättert in seinem Buch. Ob da auch etwas über mich drinsteht? Hoffentlich weiß er nicht, dass ich gestern in der Kita den Fisch nicht essen wollte, oder dass ich vor eine Woche meine grüne Kette verloren habe, obwohl mir meine Mama gesagt hat, ich soll ganz arg darauf aufpassen. Das Lied verstummt. Wir sind alle gespannt, was passiert.
„Ihr habt aber wirklich schön gesungen, so jetzt schaue ich einmal, ob ihr auch alle brav wart.“
Der Nikolaus blickt auf sein Buch und schaut dann in die Runde. „Robert, komm doch einmal her“, ruft er und deutet genau auf Robert. Ich bin total überrascht. Woher weiß der Nikolaus, wie Robert aussieht?

Ich drehe mich zu ihm hin. Robert wird ganz rot im Gesicht. Langsam steht er auf und läuft zum Nikolaus, doch dann stolpert er. Alle kichern, auch der Nikolaus. „Vorsicht, Vorsicht, ich will doch nicht, dass du extra wegen mir stolperst!“ Robert grinst.
„So, ich lese soeben, dass du gerne Autos zeichnest, stimmt das?“, Robert nickt. „Aber ich sehe auch soeben, dass du erst neulich einen anderen Jungen gehauen hast. Das finde ich gar nicht schön“ Robert wird blass. „E-es tut mir leid, ich mache das bestimmst nie wieder“, stottert er. Armer Robert, denke ich mir, warum muss er auch unbedingt immer böse werden, wenn man mit seinen Autos spielt?
„Naja gut, ich möchte dir verzeihen, aber wehe du machst das noch einmal, versprichst du es mir?“ Robert nickt. „Okay, dann will ich dir dein Geschenk geben“ Der Nikolaus holt aus einem riesengroßen braunen Sack einen kleineren hervor.
Robert strahlt. „Danke“, ruft er und nimmt fröhlich seinen Beutel entgegen. Der Nikolaus ruft nun noch jemand heraus.
Mir wird schon etwas schlecht. Was ist, wenn der Nikolaus mich vergisst, oder schlimmer noch, mir kein Geschenk geben will?
Nervös kaue ich mir meine Fingernägel, bis ich plötzlich meinen Namen höre.
„Nelli? Jetzt bist du dran“.
Ich hole tief Luft. Der Nikolaus schaut mich direkt an. Langsam stehe ich auf. Mein Herz macht Sprünge. Keine Freudensprünge.
Jetzt stehe ich direkt vor ihm. Seine großen blauen Augen schauen mich direkt an. Er hat einen weißen Bart, der fast seine Mundwinkel versteckt.
„Ich sehe, du kaust Fingernägel, das ist eigentlich nicht sonderlich schön!“, erschrocken verstecke ich meine Finger in meine Hosentasche.
„Tut mir leid, ich mache das nicht wieder, bitte sei nicht sauer auf mich“, ängstlich schaue ich in sein Gesicht. Verwundert schaut er mich an und plötzlich lacht er. Puh. Er ist nicht sauer auf mich.
„Du musst doch keine Angst haben, immerhin lese ich auch, dass du immer freundlich bist und brav zuhörst, wenn Lesestunde ist. Hier ist dein Geschenk!“
Ich bin erleichtert. Glücklich. Strahlend rufe ich „danke“ und würde am liebsten den Nikolaus umarmen. Freudig nehme ich meinen braunen Sack entgegen. Er fühlt sich schwer in meinen Händen an.
Langsam öffne ich ihn und was sehe ich da? Angeekelt verziehe ich mein Gesicht.
„Ich glaube, das ist nicht für mich“, murmle ich. „Was, wieso denn?“, fragt mich der Nikolaus verwirrt.

„Da sind Bananen drin. Jeder weiß, dass ich Bananen hasse!“, erkläre ich laut.
„Oh, dann tut es mir leid, ich wechsle einfach die Banane mit einer einer Mandarine aus“.
Schon besser, aber ich bin enttäuscht, dass der Nikolaus doch nicht alles weiß.
Nicht einmal, dass ich Bananen hasse, vielleicht liest er nächstes Jahr genauer in seinem Buch und macht dann seine Arbeit wirklich richtig.